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Das Widumhaus

Die Geschichte des ältesten noch erhaltenen Hauses im oberen Ort

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Widumhaus vor der Sanierung 2007

Auszug aus Prof. Dr. Konrad Dussel Ebhausen – Geschichte und Gegenwart der Nagoldtal-Gemeinde sowie Eva-Maria Hiller-Thoß und Werner Thoß, die Eigentümer des Hauses:

Eigentlich waren es wohl Zwillinge, das im Jahre 1596 erbaute Wohngebäude und die dicht an die Giebelseite angrenzende Scheune mit Gewölbekeller, welche in den 1990er Jahren abgerissen wurde. Das eine Bauwerk beherbergte stets die Menschen, das andere die landwirtschaftlichen Bestände und Erträge. Jahrhundertelang standen sie ganz am Ortsrand von Ebhausen, hatten freien Blick über Rohrdorf mit seiner Johanniter-Komturei bis hin zur Nagolder Remigiuskirche. Mit angrenzenden Grundstücken waren die Häuser Namenspatron für die heutige Postanschrift Widdumhof. In der Benennung unseres denkmalgeschützten Hauses haben wir uns an der historischen Schreibweise mit einem „d“ orientiert: Widumhaus. Das ursprünglich mittelhochdeutsche Wort Widum, auch Widdum oder Wittum, bezeichnet laut Denkmalamt: >Der Kirche gewidmete, gestiftete nutzbare Güter. Ein Pfarrgut oder Pfarrhof.

Könnte das Widumhaus sprechen und damit über vierhundert Jahre Geschichte preisgeben, was würden wir da alles erfahren. Von friedlichen Jahren und kriegerischen Zeiten, von kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Von Bürgern, Handwerkern und Tagelöhnern, von gutem Auskommen und ärmlichem Dasein. Von unzähligen Besitzerwechseln, der Nutzung als Pfarrhaus, als landwirtschaftliches Anwesen bis hin zum Wohnhaus für teilweise gleich mehrere Partien die sich Küche und Abtritt teilten, bis hin zuletzt noch als Unterkunft für Asylanten. Doch nur Bruchstücke gibt es preis. Und selbst die müssen oft irgendwo herausgelesen oder aus anderen Zusammenhängen interpretiert werden. Zum Beispiel zur ursprünglichen Erbauung und Nutzung als Pfarrhaus.

Aufgrund der dendrochronologischen Untersuchung des verbauten Holzes (geschlagen im Winter 1595/96) konnte das Baujahr des Gebäudes exakt bestimmt werden. Das Widumhaus ist damit nachweislich das älteste Wohnhaus Ebhausens und demzufolge heute einziger, wenn auch stummer Zeuge der verheerenden Brandschatzung im Dreißigjährigen Krieg, als Ebhausen im Herbst 1634 von der Soldadeska brutal geplündert und niedergebrannt wurde. Vielleicht liegt hierin auch des Rätsels Lösung, wie und wo die Kirchenbücher diese Katastrophe in Ebhausen überstanden.

Als das Gebäude in der Sanierungsphase zum großen Teil entkernt war, verdichteten sich die Hinweise auf ein Widumhaus und damit der Funktion als Pfarrhaus. Im Erdgeschoss verbargen sich hinter feuchten Wänden und teils schimmeligen Lehmfüllungen noch sechs von ursprünglich 14 Holzständern mit enormen Querschnitten sowie eine massive Deckenkonstruktion mit bis zu 38 cm starken Balken, die das gesamte Stockwerk überspannte und deutlich machte, dass auf dieser Ebene ursprünglich kaum Wände vorhanden waren. >An keiner Stelle lässt sich die Ausführung einer ursprünglichen Innenwand nachweisen<, hält der vom Denkmalamt beauftragte Bauforscher Burghard Lohrum in seinem Bericht fest. >Der Unterstock (…) war demnach als offene Halle angelegt<, so seine Feststellung. Wozu aber diese Halle, die über eine innenliegende Treppe einen direkten Zugang in den darüber liegenden Stock hatte? Wurden hier Versammlungen abgehalten? Diente es der Führung der Kirchenbücher? Der kirchlichen Verwaltung?

Ein weiteres Indiz legt der Oberstock nahe, der in seinem ursprünglichen Grundriss komplett erhalten ist, wenn auch das Fachwerk der Außenwände sowie die Decke zum Dachgeschoss im 20. Jahrhundert weitgehend erneuert wurden. Diese Stock liegt auf der Ebene der Kirche und verfügte nach dieser Seite nachweislich über einen Flur mit rückwärtiger Tür. Es ist durchaus schlüssig, dass dies ein direkter Zugang zur Kirche und zum angrenzenden Pfarrgarten war. Der Bauforscher kam aufgrund seiner Untersuchungen zu dem Schluss: >Die repräsentative Abzimmerung (des Gebäudes - Anm. d. Verf.) und die unmittelbare Nähe zur Kirche lassen es für möglich erscheinen, dass es sich bei dem Gebäude um das ehemalige Pfarrhaus handelt<. Diese Ebene diente mit insgesamt vier Zimmern und einer Küche eindeutig Wohnzwecken, deren wohnliches Zentrum die gute Stube, vermutlich mit einem Kachelofen als Wärmequelle war. In der angrenzenden früheren Schlafkammer tauchte bei der Sanierung hinter einer senkrechten Ständerwand versteckt ein wahrer Schatz der Ursubstanz auf: Die stark nach außen hängende, aber komplett erhaltene giebelseitige Wandscheibe mit zwei ehemaligen Fensteröffnungen im Fachwerk, welche nur durch innenlaufende Schiebeläden geschlossen werden konnten. Offensichtlich wurde diese Wand einem damals herrschenden Zeitgeist entsprechend, irgendwann schamhaft versteckt. Heute sind die Fensteröffnungen wieder aktiviert und eine besondere Form der Ausfachung machte es möglich, die historische Fachwerkkonstruktion außen wie innen sichtbar zu lassen.

So viel würden wir gerne noch wissen. Über das Widumhaus. Zu all seinen Nutzungen, den Menschen die darin wohnten, die darin ein- und ausgingen, die im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben. Welch schwungvolle Hand hat mit ihren Fingern einen eindeutigen Abdruck im Lehmgefach der Wohnstube hinterlassen? Wer war der Mensch? Frau oder Mann? Jung oder alt? Lehrling oder Meister? Was hat er gefühlt? Was ihn beschäftigt? Welche Menschen haben in der Schlafstube wohl geruht? Im Sommer geschwitzt, im Winter gefroren? Wie viele Kinder haben dort unter Schmerzen das Licht der Welt erblickt? Wie viele Männer und Frauen daselbst ihr Leben ausgehaucht? Und welcher Vandale hat lange Zeit später rücksichtlos in das jahrhundertalte Fachwerk ohne jeglichen Respekt eine Öffnung für eine elektrische Verteilerdose gehauen? Oder den krummen Türstock so brutal bearbeitet, dass nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Substanz vorhanden ist? Hat das altehrwürdige Haus nicht auch Anspruch auf ein bisschen Achtung? Das Haus, das nun unser Zuhause ist.

Wir und das Widumhaus, das war Liebe auf den ersten Blick. Wobei Liebe angeblich ja ein bisschen blind macht und anfangs schon viel Phantasie dazu gehörte, eine Vorstellung zu entwickeln wie es einmal aussehen könnte, wenn es dem Aschenputtel Dasein entrissen ist. Mit dem beruflichen Background als Architekt und langjähriger beruflicher Erfahrung in der Sanierung historischer Gebäude, gingen wir jedoch nicht unbedarft an die Sache heran. Man hofft das Beste und ahnt und befürchtet doch, dass es viel aufwändiger sein könnte als gedacht. Und so kam es auch. Doch je mehr das Gebäude seine Gebrechen preisgab, desto mehr offenbarte sich auch der besondere Charme. Da erst zeigte sich, was aus der Entstehungszeit von vor über vierhundert Jahren noch vorhanden war. Unser erklärtes Ziel und Anspruch als Bauherrschaft war es, die Ursubstanz offen zu legen und als Zeitdokument sichtbar zu machen. Dabei aber gleichzeitig ein Wohngebäude mit modernem Wohnkomfort und aktuellem Energiestandard zu haben. Eine Symbiose, die nicht leicht zu erreichen war und mehrfach Umplanungen erforderte. Denn das historische Gebäude gab vor, welche Eingriffe möglich waren und welche Ideen wieder verworfen werden mussten. Wir haben ausdrücklich vermieden, dass Modernes in Konkurrenz zum Historischen tritt. Was zwangsläufig erneuert werden musste, haben wir sowohl vom Material als auch von Gestaltung und Farbgebung bewusst klar und geradlinig abgesetzt, ganz nach dem Spruch >Nur wer verantwortungsbewusst zu verändern versteht, kann bewahren, was sich bewährt hat< (Willy Brandt).

Unser Haus ist wie wir Menschen: Es ist entsprechend seines Alters krumm und schief, hat Ecken und Kanten, und seine Geheimnisse. Und es hat einer besonderen Fügung gebraucht, dass gerade wir hier angekommen sind und durch die grundlegende und doch behutsame Sanierung nachhaltigen Spuren hinterlassen durften. Spuren, die nicht zuletzt dazu dienen, das Gebäude noch lange zu erhalten. Wie es dazu kam? Da durchblättert man an seinem Schreibtisch nach dem Jahreswechsel 2006/2007 nichtsahnend noch schnell die im Urlaub aufgelaufenen Lokalteile der Zeitung. Und dabei springt einem völlig unvorbereitet eine Anzeige der Gemeinde Ebhausen ins Gesicht, in der für ein denkmalgeschütztes Gebäude neue Besitzer gesucht werden unter der Bedingung, dass: „Erhalt und grundlegende Sanierung gewährleistet wird<. Ein Gedankenblitz, ein Funke zündet, wir planen, rechnen, bewerben uns, werden vom Gemeinderat unter mehreren Anwärtern ausgewählt. Und plötzlich geht das Leben einen ganz anderen Weg. Ein Haus zu erwerben gehörte bis dahin nicht zu unserem Plan.

Vom Lesen der Anzeige bis zum Einzug zu Weihnachten 2007 lag nicht einmal ein Jahr. Ein Zeitraum indem wir mit großem Engagement und Anpacken, unter intensiver Beratung des Denkmalamtes, mit fähigen und zuverlässigen, vorwiegend örtlichen Handwerkern und, wohlwollender Begleitung der Gemeindeverwaltung und manch interessierter Bürger, welche immer wieder auf der Baustelle aufkreuzten, das historische Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf feste Fundamente stellten. Es stabilisierten, seinen besonderen Reiz herausstellten. Und ihm mitsamt des anschließend angelegten Gartens den ihm aufgrund seiner Historie würdigen Platz in der Wahrnehmung wieder zurückgaben.

Es ist uns Heimat geworden, das Widumhaus. Gemessen an seinem Alter und den Generationen, die es in seiner über vierhundertjährigen Existenz schon beherbergt und beschützt hat, wird unsere Zeit unter seinem Dach nur eine kurze Spanne sein. Doch möglicherweise konnten wir beide mehr für das historische Gebäude und seinen Erhalt für die Nachwelt tun, als manch Eigentümer dazwischen. Wer weiß – vielleicht haben ja gar nicht wir das Haus gefunden, sondern das Widumhaus hat uns gesucht. Es wäre uns eine Ehre.

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Widumhaus nach der Sanierung (Giebelseite) 2006

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Widumhaus nach der Renovierung (Traufseite / Giebelseite) 2006

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Quellenangaben
Ortschronik Ebhausen: Prof. Dr. Konrad Dussel, Ebhausen- Geschichte und Gegenwart der Nagoldtal- Gemeinde
Fotos
Archiv FORUM Ebhausen
Gemeinde Ebhausen